Zur Hölle mit den Profs, Teil 3: Philosophie oben ohne!

Ja, philosophische Fragestellungen haben mich durchaus im Beruf interessiert und geprägt.

Aber während des Studiums war ich Hardcore-Physiker...da gab es nur Physik, Astrophysik und Mathe, aber Mathe nur dann, wenn ich sie für Physik oder Astrophysik gebrauchen konnte...

Das hat sich geändert.-..heute betreibe ich Mathe am liebsten, wenn sie komplett anwendungsfrei zu sein scheint...

Aber ich schloss schon damals nicht aus, Lehrer zu werden und studierte neben dem Diplom in Physik auch alles mit, was man für das Staatsexamen in Mathe brauchte.

Dazu gehörten auch die p-Fächer...Philosophie und Pädagogik...da musste man einige Seminare belegen.

Heute ist das anders: Fachwissen ist nicht mehr so entscheidend, aber pädagogische Werke kennen und zitieren schon...

Man merkt, ich habe da eine andere Ansicht: Wenn ich fürs Fach brenne (und dazu muss ich viel wissen!), dann kommt der Rest genau dann von allein, wenn ich meine Schüler/innen als gleichberechtigte Partner/innen auffasse.


Blick zurück...Ende der 70-er...Beginn des Wintersemesters...

Mein erstes Philosophieseminar stand an. Man empfahl mir, mich bei einem bestimmten Prof anzumelden. Wir nannten ihn nur Ede.

Machte ich...

Hörsaal 100 im Zentralen Hörsaalgebäude...

Ein Seminar in so einem großen Hörsaal????

Als ich kam, war jeder Stuhl besetzt...960!

Bild: Uni Göttingen

Und weitere 250 Studis lagen vor dem Podium, hockten auf der Treppe...

Philosophieseminar?

Unglaublich...und doch ist da in mir ein Pflänzchen gesät worden, das Jahrzehnte später aufgeblüht ist...


Herein kam er, der Ede, ein sehr alter, sehr gebrechlicher Mensch, fast 90.

Tosender Applaus..

Danach hielt er 90 Minuten ohne Manuskript eine Vorlesung...

...inhaltlich durchaus ansprechend und für mich Anti-Philosophen (damals!) sogar verständlich...und ehrlich gesagt, nicht unmotivierend....

Ein Semester lang.

Dann verteilte er die Scheine.

Das Thema hatte seine Sekretärin (man munkelte, es sei seine Geliebte...) drauf geschrieben. Er unterschrieb, datierte und warf die Scheine in die Menge. Unsere Namen mussten wir selbst eintragen.


Ich ergatterte meinen ersten Philosophieschein!


Ich brauchte aber zwei Scheine.

Also ging ich im nächsten Sommersemester wieder zur Anmeldung, zu Ede, persönlich.

Im April.

Dieses Mal fragte er mich nach meinem Namen, stellte mir einen Teilnahmeschein (vor Beginn des Semesters!!!) aus und unterschrieb, datierte den Schein auf das Semesterende im Juli.

Das Thema lies er offen, ich sollte mir einen seiner Vortragstitel da hineinschreiben.


Wenn man jetzt denkt, ich ging da deshalb nur einmal hin...falsch.

Dieses Seminar war das Event der Woche! Niemand fehlte.

Und deshalb haben diese Geschichte, die ich jetzt erzähle, weit über 1000 junge Menschen mit erlebt.


Vorlesungsbeginn.

Der inzwischen fast 90-jährige Prof verspätet sich. Kommt auf die Bühne. Legt das Mikro um.

Unverständlich nuschelt er: "Ich habe leider mein Gebissch zu Hausche liegen lasschen. Ohne Zschähne möschte ich nicht 90 Minuten reden. Aber Schie, Fräulein, da unten in der erschten Reihe...können Schie nicht zu mir nach Hausche gehen, meine Frau bitten, Ihnen mein Gebissch mitzugeben? Und dann kommen Schie hierher."


Die Studentin machte es.

Er wohnte in der Nähe.

Wir alle warteten...25 Minuten.

Der Prof setzte sich in die Ecke des Podiums und wartete auch.

Keiner von uns ging!


Dann kam die Studentin mit einer Schachtel zurück.

Er nahm ihr die Schachtel ab, steckte sich auf dem Podium das Gebiss in den Mund, klack, klapp, und begann mit Verspätung die Vorlesung. Als wär nichts geschehen.

Der tosende Applaus am Ende war keine Ironie, der war ernst gemeint!


Das ist nicht zu toppen!

Oder?


Mitten in diesem Sommersemester, im Mai 1977 starb er...das Seminar konnte nicht zu Ende geführt werden.

Aber ich hatte den Schein!

Von ihm laut handschriftlich eingetragenem Datum etwa 6 Wochen nach seinem Tod persönlich unterschrieben.


Den Schein reichte ich bei der Prüfungsanmeldung zwei Jahre später ein.


Man bestellte mich zur Prüfungskommission. Man hatte Fragen...

Ich erzählte die Geschichte. Der Schein wurde anerkannt.


Wer dreht den neuen Prof-Film????

Vielleicht mit einem anderen Titel: Im Himmel sind die Profs...