Resozialisierung

Updated: Oct 14

Ich möchte noch etwas über den Film "Julian" erzählen, der ja auch im letzten Post "Casting" eine wichtige Rolle gespielt hat.

Bevor wir das Drehbuch entwickelten, besuchten wir viele in Wohnheimen lebende Jugendliche, sprachen mit Sozialarbeitern und Streetworkern. Ja sogar im Jugendgefängnis waren wir und haben mit Insassen gesprochen.

Unser Ziel war es, eine glaubhafte Darstellung zu finden, wie der ältere Bruder von Julian in ein kriminelles Milieu abgleitet. Julian selbst steht noch ganz am Anfang, er versucht noch, mit der Mutter zu reden, allerdings vergeblich...und mit dieser Prognose endet der Film.

Wie weit der ältere Bruder schon gefallen ist, wollten wir durch eine passende Szene zeigen:

Auto klauen, eine Fahrt machen, die mit einem Crash und einer Verhaftung endet.

15- jährige zu zeigen, die ein Auto aufbrechen...kein Problem.

Die Autoknacker hatten einen guten Lehrer...


Sie dann fahrend in dem Auto zu zeigen und dann einen Auffahrunfall...schwierig und wo bekommen wir ein Polizeiauto her, damit die anschließende Verhaftung auch deutlich wird?

Fangen wir hinten an: Es gelang uns, die Kassler Polizei zu mehreren Drehtagen als Mitwirkende zu gewinnen.

Übrigens genau so wie echte Mitarbeiter von Jugendheimen und Jugendämtern. Nur die betroffenen Jugendlichen wurden von Schauspielern dargestellt.

(Ich behaupte immer noch, "Richterin Babara Salesch" ist bei uns abgekupfert...)

Man nennt das heute pseudo-dokumentarisch.


Also, die Polizei war gewonnen:

2 Beamte brachten in der Schlusssequenz des Films Julian im Polizeiauto nach Hause.

Sie fuhren auch mit Blaulicht nach dem Crash auf den Rhönplatz in Helleböhn.



Zuvor sperrten sie den gesamten Platz für den Straßenverkehr, damit wir drehen konnten.


Zuerst zeigte ich den Jungs, wie man (meiner Meinung nach) ein Auto knackt...

Dann wurde das Auto (es war nicht mehr fahrtüchtig) nach oben, die Straße hoch geschoben. Es rollte dann den kleinen Berg runter und kam kurz vor dem zweiten Auto zum Stillstand.

Da konnte wir alle Szenen von außen drehen, so dass man wirklich die Jungs im Auto sah.

Dann stiegen die Jungs aus und ein Mitarbeiter vom Filmteam setzte sich auf den Fahrersitz, mit Kissen und Decken geschützt, und lenkte das den Hang herunterrollende Auto in das vor der Ampel stehende andere Auto, so dass es richtig krachte.

Die beiden Autos hatten wir einem Schrotthändler abgekauft, er hatte sie uns kurz vorher mit einem LKW gebracht.

Die Szene musste sitzen, denn Geld für weitere Autos hatten wir nicht.

Erster leichter Crash, rechtzeitig geschnitten

Start zum Crash mit Stuntman

Polizei kommt und verhaftet die drei Jungs...


Nun brauchten wir nur noch Szenen aus dem fahrenden Auto.

Aber es fährt ja nicht mehr...

Also: Mit dem Abschleppseil an meinen Minibus gebunden, Dach auf, Kameramann steht im Minibus und filmt von oben das hinterhergezogene Auto.

Dann wird das nochmal gedreht, jetzt mit dem Kameramann auf dem Beifahrersitz, damit man einen der Jungs beim Fahren sieht und die anderen grölend auf der Rückbank.

Den Crash spielen sie...



Damit wir das mehrmals drehen konnten, wurden weitere Straßen gesperrt und das Polizeiauto fuhr vor uns her.


Für die ganzen 4 Minuten Film haben wir den ganzen Tag gebraucht: Einstellungen, Kamerapositionen am Vormittag, dann nachmittags Anliefern der Schrottautos, Polizei sperrt ab...und als es dunkel war, fingen wir an zu drehen.


Das Ende einer unbeschwerten Kindheit, das Ende des Films und fast das Ende des Posts...


Wir waren ja Profis... Szenen, bei denen man nicht merken soll, dass sie so nicht stattfinden, dreht man in allen Filmen bei Dunkelheit...

Aliens schlafen tagsüber und greifen immer nachts an...


Übrigens, von einigen der Autoknacker durfte ich das spätere Leben mit verfolgen...sie haben sich voll resozialisiert..der eine leitet eine medizinische Rettungseinheit, der andere ist Investor für nachhaltige und zukunftsweisende Projekte.


Alle Bilder sind Screenshots aus dem SVHS - Film von 1994.