Mehr geht nicht...: Im Rollstuhl und auf einem Bein zu Bundessiegen

Updated: Aug 21

Ich habe gerade die Bilder für diesen Post zusammengesucht und merke, wie das Herz wieder anfängt zu klopfen...

Als ich Lehrer wurde, hatte ich mir gewünscht, wenigstens einmal ein Team bei Jugend forscht zu betreuen...

Nun, es sind inzwischen viele hundert Teams geworden...

Aber 2015 war die absolute Krönung...



Ich war (Mit-) Betreuer von vier Teams, die alle Landessieger wurden und zum 50. Bundeswettbewerb nach Ludwigshafen eingeladen wurden. Da der Bundespräsident kam, wurden ausnahmsweise alle Sonderpreise und die Plätze 2 bis 5 in einer riesigen Feier am Samstag vergeben.

Ich kam etwas zu spät aus Kassel an, betrat gerade die Halle der Sonderpreisverleihung, als Patsi und Robin einen Sonderpreis der Astronomischen Gesellschaft erhielten.

Jo, nicht schlecht als Begrüßung...

Bei den beiden hatte ich mich als Partnervermittler engagiert. Robin habe ich schon betreut als er als 12-jähriger im SFN auftauchte. Ich versuchte ihn auf ein Thema zu bringen, an dem er mal wirklich herausgefordert wird...er entwickelte eine Simulation für das Verhalten von vielen Körpern unter ihrer eigenen Schwerkraft. Nun suchte er eine sinnvolle Forschungsfrage und Anwendung. Patsi untersuchte den Aufbau von Planetensystemen, hatte aber auch so keine richtige Fragestellung...also brachte ich die beiden zusammen und heraus kam eines der ersten Simulationsprogramme zur Entstehung von Planetensystemen, das so komplex war, dass es wochenlang auf mehreren Großrechnern der Uni Kassel lief...


Kommen wir zurück zur Sonderpreisverleihung.

Birk, damals gerade 14 Jahre, bekam den dritten Platz in Technik für sein Energiemanagementsystem. Ich war weniger für die inhaltlichen Aspekte zuständig, da braucht Birk niemanden, sondern mehr für den Aufbau und die Präsentation der Arbeit.

Platz 3 auf Bund mit 14...irre und hochverdient...


Dann kamen Duo, Michelle und Kai auf die Bühne. Sie erhielten als Sonderpreis eine Reise nach China, an der ich auch teilnehmen durfte.

Wir waren in Hongkong beim chinesischen Wettbewerb, wo das Team auch zwei Preise bekam. Und als sie gerade von der JuFo-Bühne gegangen waren, wurden sie schon wieder hochgerufen...für den zweiten Platz in Arbeitswelt.


Mehr kann man auf einem Bundeswettbewerb nicht erwarten.


Nur Anselm war leer ausgegangen. Tat mir richtig leid, denn er hatte die Arbeit im November erst begonnen, wollte einen einbeinigen Roboter bauen und scheiterte an der Technik.

Im Dezember wollte er sich abmelden, ich riet ihm aber eine theoretische Machbarkeitsstudie durchzuführen.

Die war ihm in Rekordzeit unglaublich toll gelungen ...aber anscheinend...


Der Bundeswettbewerb wird uns auch aus einem anderen Grund unvergessen bleiben...Wenige Tage vor der Abfahrt lief Robin sehr schnell die Treppe im SFN runter...zu schnell...er blieb unten liegen, mehrfacher Beinbruch...

Die Generalprobe für den Bundeswettbewerbsvortrag habe ich mit ihm und Patsi am Krankenbett durchgeführt.



Dann wurde er liegend nach Ludwigshafen gefahren und verbrachte dort die Zeit im Rollstuhl. Nur auf die Bühne musste er mit Krücken hoch humpeln...



Dann kam der Sonntag, der Verleih der Bundessieger.

Ich hatte eigentlich mit nichts mehr gerechnet, denn mehr als wir schon erhalten hatten, ging eigentlich nicht...


Dann kam Astronomie dran und Patsi und Robin wurden aufgerufen...Sie waren Bundessieger!

Wahnsinn...

Aus der Laudatio derJury:

Die Jury war beeindruckt von der clever implementierten Software, die rigoros an klassischen Problemen getestet wurde. Die beiden Jungforscher haben damit das komplexe Problem der Entstehung von Planetensystemen überzeugend im Computer simuliert.“



Umso mehr tat mir jetzt Anselm leid. Seine Arbeit stand den anderen in nichts nach...


Dann kam Physik dran...

Der Laudator öffnete den Umschlag und sagte..."die waren doch eben schon mal dran..."

Da war es klar.. der zweite Bundessieg...ich rannte nach vorne, um Bilder zu machen...

Anselm merkte man auf dem Weg zur Bühne an, dass er selbst eher an einen Traum als an die Realität dachte...



Im November angefangen, im Mai Bundessieger...irre.


Laudatio:

Die Jury war in besonderem Maße davon beeindruckt, wie der Jungforscher die anspruchsvolle Regelungstechnik eigenständig implementiert hat. Sein Projekt ist außerdem ein hervorragendes Beispiel dafür, wie ein theoretisches Konzept im Detail ausgearbeitet und dann schlüssig bis zur erfolgreichen praktischen Demonstration verfolgt wurde.



Dann wollte er von der Bühne...wurde wieder zurück gerufen...

Er erhielt noch den Europapreis mit der Qualifikation zum Europawettbewerb.


Was habe ich in den Bericht geschrieben:


Wir sind stolz auf unsere sieben Bundis, die Geschichte geschrieben haben, jeder einzelne von ihnen, in den Geschichtsbüchern vom SFN und von „Jugend forscht“.

Und danke an alle, die das möglich gemacht haben!

Das war eine gigantische Leistung, vor allem von den JuFos!

Das gab es 50 Jahre nicht und wird es bestimmt auch 50 Jahre nicht mehr geben!




Ja, das war so unglaublich, dass die Stadt Kassel, die sich in Ehrungen für ihre Jugendlichen sehr schwer tut, sogar alle JuFos in das Rathaus eingeladen hat. Sie durften sich in das Goldene Buch der Stadt eintragen.



Verdient!


Aus meiner Rede beim Empfang im Rathaus:


Ich möchte aber die Gelegenheit nutzen auf etwas hinzuweisen, was mir immer noch Bauchschmerzen macht. Meine Beobachtungen werden von zahlreichen Betreuungslehrern bundesweit leider bestätigt: Sehr oft passiert es, dass die Teilnehmer/innen von Jugend forscht sehr negative Erfahrungen in ihren Schulen machen, wenn sie zu den (übrigens als Schulveranstaltung geltenden) Wettbewerben gehen. Dass sie Steine aus dem Weg räumen müssen, kann ja noch angehen, dass sie aber oft diffamierende und verletzende Bemerkungen hören müssen, kann ich nicht hinnehmen. Ich rede hier nicht von den Klassenkameradinnen und -kameraden, sondern von manchen Lehrerinnen und Lehrern dieser JuFos. Es sind leider keine Ausnahmen und wir müssen alles daran setzen, dass dies in Zukunft unterbleibt.

Diese jungen Menschen engagieren sich in unglaublichem Maße und erwirtschaften letztlich auch einen Erfolg nicht nur für sich und uns sondern auch für ihre Schule. Sie sind auch die Zukunftsträger unserer Gesellschaft!

Wir müssen lernen über besonders begabte Jugendliche nicht nur wertschätzend zu reden sondern sie auch wertschätzend zu behandeln.


Leider hat sich 6 Jahre danach immer noch nicht viel in den Schulen verändert.


Anschließend habe ich die JuFos direkt vom Rathaus zu einer Sonderführung in die Kriegsbunkeranlagen unter dem Weinberg eingeladen. Sie wussten nichts davon, bekamen Maleroveralls, um ihre Anzüge zu schützen....

Nur 70 Jahre früher waren Menschen in ihrem Alter verantwortlich dafür, dass Handpumpen tausende von Menschen in dem riesigen Bunkersystem mit Frischluft versorgt haben.

Damals ging es um das nackte Überleben.

Bei aller Begeisterung sollten wir nicht das riesige Privileg vergessen, das unsere Zeit unseren jungen Menschen bietet.


Sich verneigen vor den Leistungen dieser Jugendlichen, aber auch dankbar sein dafür, dass sie die Möglichkeit haben, so etwas zu machen.