Knapp am Nobelpreis vorbei...

Wir waren ja sooo dicht dran...

Im Ernst: 1985 gelang es Bednorz und Müller zum ersten Mal einen Hochtemperatur-Supraleiter (SL) zu entwickeln.

Supraleiter sind Materialien, die bei sehr tiefen Temperaturen überhaupt keinen elektrischen Widerstand haben. Einmal in Gang gesetzter elektrischer Strom fließt ewig weiter...

Vor 1985 waren Temperaturen von um die 5 K notwendig, nach 1985 reichten dafür etwa 100 K aus.

Sensationell, denn diese Temperaturen kann man mit flüssigem Stickstoff erzeugen.

Dafür erhielten die beiden Physiker Ende Oktober 1987 den Nobelpreis.

Ich stellte das natürlich meinem Leistungskurs (LK) Physik vor, denn schon immer war der SL-Effekt ein Teil meines Unterrichts.

Bednorz hatte auch ein Rezept zur Herstellung einer solchen supraleitenden Keramik veröffentlicht.

Was lag näher, als es selbst auszuprobieren.


Ganz so einfach ist es nicht...bei bestimmten Temperaturen muss das Ausgangsmaterial viele Stunden erhitzt werden, dann mit starkem Druck gepresst werden und unter Sauerstoffzufuhr erneut bei hohen Temperaturen für fast 10 Stunden getempert werden.


Eine solche Presse hatten wir nicht (das SFN hat jetzt eine...), da half uns die Uni Göttingen.


Die Schule hatte einen Keramikofen, der wurde aber nicht heiß genug.

Also fragte ich bei der Uni Kassel nach, ob sie uns mit einem besseren Ofen aushelfen würde .

Das wurde abgelehnt...Begründung: Warum sollen wir Schüler unterstützen, wir wollen das selbst versuchen und die ersten in Deutschland sein, die den SL "nachkochen"...


Das machte mich wütend und spornte uns an.

Innerhalb von Tagen organisierten wir alles. Mein LK wurde vom Unterricht befreit, Kollege Seemann kam zur Unterstützung dazu, ein Mineraloge aus dem AAK (Holger Engelmohr, leider schon verstorben) beriet uns.

Die fehlende Temperatur des Schulkeramikkofens gleichten wir durch Heizstrahler und eine bessere Isolierung aus...das reichte...


Da der ganze Prozess besodners überwacht werden musste, gerade bei unserem improvisierten Aufbau, machten wir fast eine Woche Rundumdie Uhr-Dienst in der ASS. Zwet Räume waren für die Schüler/innen reserviert: Ein Experimentierraum (später der kleine PhysikClub-Raum), ein Aufenthalts- und Schlafraum. Ich schlief auf den Tischen des späteren gropßen PhysikClub Raumes.

Abends fuhr immer ein Spion zur Uni und schaute ob im Institut, das die Unterstützung abgelehnt hat, Licht brannte...


Eine Woche arbeiteten wir durch...dann waren die SL fertig.

Wir mussten nur noch nachweisen, dass sie in einem starken Magnetfeld schweben.

Heute bestellt man Neodym-Magnete im Internet und hat sofort das richtige Magnetfeld. Damals gab es weder Internet noch Neodym-Magnete...


Wir halfen uns aber mit einem Trick:

Eine Balkenwaage gleichte das Eigengewicht der Aufhängung und der Kermaik aus...dann reichte unser Magnetfeld aus, um den Schwebeeffekt zu zeigen.


2020 hat ein Team ebenfalls SL im SFN hergestellt...hier schwebt er...


Zwei unserer Keramiktabletten waren SL!


Am nächsten Tag wurde eine SL-Show in der Aula für alle Schüler/innen ab Klasse 9 aufgeführt (so etwas geht heute auch nicht mehr...es darf ja kein Unterricht ausfallen...), einen Tag später kam das Fernsehen und die Presse.


November 1987

Wir waren die ersten in Deutschland, denen es gelungen war, die mit einem Nobelpreis geehrte Endeckung nach zu vollziehen.


Das Zähneknirschen der Leute aus dem Uni-Institut höre ich noch heute...

Übrigens: 30 Jahre später klappt die Zusammenarbeit mit den Uni Instituten bestens, sind halt andere Leute da...