Hirnfraß in den Sommerferien?

Es sind viele kleine Ereignisse, die den Lebensweg beeinflussen und im Nachhinein gesehen bei anderen Ausgängen vielleicht sogar ganz andere Richtungen ermöglicht hätten.


Mein Interesse an der Astronomie entstand erst während der Mittelstufenzeit, nur dadurch lernte ich dann Mathematik (in der 7. oder 8.Klasse drohte ich sogar auf die "5" in Mathe abzurutschen...).

Ich sah halt vorher keinen Nutzen für mich, Mathe zu können...

Was habe ich gemacht? Mit Hilfe eines kleinen Übungsbuches habe ich den gesamten bisherigen Mathestoff an Aufgabenbeispielen wiederholt und trainiert. Und schon wurde ich in der Schule deutlich besser.

Unser Matheunterricht damals war sehr einfach organisiert: Unser Lehrer hatte das Mathebuch selbst geschrieben, einer von uns musste immer alles vorlesen (Definition, Satz, Beweis, Satz....). Dann rechneten wir die Aufgaben, die Ergebnisse wurden verglichen und die Lesestunde ging weiter...

Manche Jugendliche erzählen mir, dass es manchmal selbst heute noch solchen Unterricht gibt...


Mein Hobby Astronomie führte mich damals dann trotzdem zur Mitarbeit in Mathe.

In der Oberstufe bekam ich dann einen Mathelehrer, der es schaffte, die innere Struktur und die Logik der Mathemastik greifbar zu machen. Das motivierte mich sogar zu einem zweisemestrigen Fernstudium während der 11. Klasse (E-Phase), von dessen Inhalten ich heute immer noch profitiere, besonders als ich den Blog "Gruppentheorie" auf dieser Homepage geschrieben habe.

In Physik war es ähnlich..mein Mathelehrer war auch in der Mittelstufe mein Physiklehrer.

Aber in der Oberstufe bekam ich dann einen neuen jungen Physiklehrer, der einen sehr strukturierten, wissenschaftlich orientierten Unterricht machte.

Ich erinnere mich, dass er mich einmal 1969 mit zu einer Lehrerfortbildung in die Uni Gießen nahm, bei der der damals noch recht unbekannte Laser an aufwändigen Modellversuchen erklärt wurde.

Diesem Lehrer habe ich auch zu verdanken, dass ich Lehrer wurde. Denn in einer seiner Klassen habe ich als Praktikant meine erste Unterrichtsstunde gehalten.

Sie war grausam!

Aber er ermunterte mich weiterzumachen...



50 Jahre Physikunterricht: Mein Physiklehrer (links), ich und 40 Jahre aus meiner Lehrerzeit: Zwei Schüler aus meinem ersten LK und vier Schüler aus meinem letzten LK. Wegen dieses LKs habe ich meine Dienstzeit 2 Jahre verlängert. Ich habe es nie bereut...gemeinsam haben wir Corona getrotzt...

Das Bild entstand während meiner SFN-Verabschiedung am 3.9.21


Genau umgekehrt lief es im Fach Deutsch.

Ich schrieb in der Mittelstufenzeit gerne Texte, kleine Romane oder Gedichte.

Am Ende der Klasse 10 war ich ernsthaft am überlegen, ob ich nicht in den sprachlichen Zweig wechseln sollte...da gab es ja Deutsch als Hauptfach (heute würde man es Leistungskurs nennen). Mein Deutschlehrer motivierte mich, sein letztes privates Gespräch mit mir vor den Sommerferien endete mit einem Satz, den ich nie vergessen werde:

Er hätte noch nie einen Schüler gehabt, der so geschickt mit Sprache umgehen kann und schreiben kann wie ich. "Schade, dass ich Dich nicht in der Oberstufe unterrichten darf..."


Dann kamen die Sommerferien...


Ich kann mich nicht mehr erinnern, was ich in diesen 6 Wochen gemacht habe..., auch nicht an die ersten Schulwochen...nur, dass ein ganz anderer Unterricht in Mathe und Physik ablief (ich war natürlich im naturwissenschaftlichen Zweig, Mathe und Physik waren meine Leistungskurse).

Dann kam die erste Deutscharbeit...

Ich war gespannt auf das Ergebnis, hatte immer noch das Lob meines alten Deutschlehrers im Kopf.

Ich bekam eine 4- und unten drunter stand der Satz: "Sprache ist ein Mittel zur Verständigung. Sie sollten üben, mit Sprache umzugehen!"


Irgend etwas musste in den Ferien mit mir und meinem Sprachhirn passiert sein...

Hirnfraß?


Ich habe daraufhin mich nur noch einmal in den drei Jahren Oberstufe im Fach Deutsch engagiert.

Wir sollten als Klausuraufgabe ein Gedicht schreiben, das selbst analysieren und es dann verbessern.

Nun Dichten konnte ich...! Ich schrieb ein wirklich tolles Gedicht mit dem Titel "Stille", auf Schmierpapier...verunstaltete es als Erstversion für die Arbeit. Diskutierte meine Verunstaltungen und schrieb das ursprüngliche gute Gedicht als korrigierte Version in die Arbeit.

Ich bekam eine 1, für die herausragende Analyse eines schlechten Gedichtes...


Schon damals lernte ich, dass schlechte Noten in einem Fach nicht immer etwas mit mangelnden Fähigkeiten zu tun haben...ganz oft sind sie durch die Lehrenden oder durch die Kommunikation zwischen Lehrenden und Lernden bedingt.

Es gibt keine prinzipiell "schlechten" Schüler/innen!


Ein ganz aktuelles Beispiel: Eine Mathelehrerin beschwerte sich ganz heftig bei mir, dass zwei Schüler aus ihrer Klasse von mir ständig zu Jugend forscht motiviert werden und dadurch oft im Unterricht fehlen würden ( nur ein Wettbewerb in dem Schuljahr war während der Woche, die anderen alle am Wochenende...) und dass sie deshalb in Mathe schlecht seien. Sie sollten lieber für Mathe pauken als Jugend forscht zu machen...

Sie formulierte das in sehr verletzenden und vorwurfsvollen Worten, nicht nur bei mir, auch vor der Klasse und vor anderen Kollegen.


Erst vor wenigen Tagen erzählte einer der Schüler mir in einem Workshop, wie denn dieser Matheunterricht abläuft...das steht oben im Post...nur dass das Mathebuch nicht von der Lehrerin geschrieben war und statt "Vorlesen" gibt es langwierige unstrukturierte Monologe.


No comment...


Übrigens, mein Hirnfraß im Sprachzentrum muss sich halbwegs wieder generiert haben...40 Jahre später habe ich mit Oberstufenschüler/innen philosophische Texte gelesen und bearbeitet...

Aber das ist eine neue Geschichte...