Eine neue Welt: Erinnerungen an fehlende Gesichter

Das ist eine Serie namens "Erinnerungen" und manchmal erinnert man sich an Anfänge von etwas, in dem man noch mitten drinsteckt...

Die Welt hat sich verändert, durch einen Virus, der in immer neuen Mutationen immer gefährlicher zu werden scheint und aber auch durch ein immer mehr zunehmendes Maß an Dummheit, Gleichgültigkeit, oder wie man es immer benennen kann, der Menschen.





Aber erinnern wir uns...

Im April 2019 war ich eine Woche in Peking, um internationale Kontakte für das SFN aufzubauen.

Ein Jahr später, April 2020, sollte ich mit einem Mitarbeiter und 8 Jugendlichen nach Peking kommen. Die Jugendlichen nahmen an einem chinesischen Wettbewerb teil und ich sollte chinesische Lehrer/innen fortbilden.

Wir hatten alle Flüge gebucht, die Unterkunft war geregelt. Ende Januar kamen die ersten Meldungen einer neuen Virusinfektion aus China. Nicht in Peking, weit davon entfernt.

Naja, wegen einer Grippe machen wir uns keine Sorgen...

Dass wir die Flüge storniert haben, muss ich hier nicht erwähnen.

Die Jugendlichen haben dann online am Wettbewerb teilgenommen, immerhin.


Vernadski-Lesungen in Moskau, online (April 20)

Im März kam es zum ersten Lock-Down in Deutschland...alles war zu.

Dienstags mehrten sich die Hinweise. Am Donnerstag habe ich meinem LK die Adresse eines Blogs mitgeteilt, mit dem ich sie weiter unterrichten wollte. Texte, Links, Aufgaben, Videos von Versuchen und meinen Erklärungen, alles wurde in einer Nacht strukturiert und als Blog hochgeladen.

Hier der erste Post vom Fr, 13.3.2020, dem letzten Schultag:


Nun ist das passiert, was wohl nur die wenigsten erwartet haben und was ich in 40 Jahren Schuldienst noch nicht erlebt habe.

Zum Glück habe ich nur euch und kann mich deshalb in den kommenden Wochen voll auf euch konzentrieren....😋

Im Ernst...es wird genau die Abiaufgaben geben, die schon seit längerem geplant sind, auch wenn euch drei Wochen Unterricht fehlen.

Bitte arbeitet deshalb die einzelnen Posts durch, macht euch in eurem Heft Notizen.

Seht die Links an, die Videos und was auch immer ich einfüge, damit ihr gut alles lernen und begreifen könnt.

Vielleicht filme ich auch mal ein Experiment oder eine Erklärung, die ich an die Tafel schreibe, und baue das dann als Video ein.

Ich hab die Kommentarfunktion aktiviert, dann könnt ihr direkt Fragen stellen, die alle lesen können, ebenso meine Antworten.

Ihr könnt mir auch Mails schreiben oder mich anrufen.

Wenn es keine Ausgangssperre gibt, werde ich täglich gegen 15 Uhr im SFN sein, wer etwas persönlich klären will, kann gerne vorbei kommen.

Der Klausurtermin wird nicht nachgeholt. Ich würde euch eine schriftliche Bearbeitungsaufgabe aus dem Klausurstoff schicken schicken, die ihr mir per Mail abgeben oder in den SFN Briefkasten werfen könnt. Damit habt ihr eine zweite schriftliche Note und der Druck auf der einen verbleibenden Klausur ist nicht so hoch. Das ist also so wie eine Klausurersatzleistung.

Zumindest in Physik werdet ihr keine Nachteile haben, falls ihr hier mitspielt und regelmäßig arbeitet.

Reserviert euch am besten bestimmte Zeiten dafür.

Trotz allem: Ich fände es schöner euch zu sehen, geht nicht. Aber am aller wichtigsten ist, dass wir alle gesund bleiben und lernen mit diesem neuen Virus umzugehen.


Später haben wir wirklich eine Online-Klausur geschrieben, live in einem Discord-Forum kommuniziert und Gruppensitzungen gehabt.

In vielen anderen Fächern wurden noch schnell Aufgabensammlungen verteilt oder per Mail verschickt, dann brachen häufig die Kontakte zwischen Lehren und Schülern ab.

Irgendwann im Mai ging es wieder mit dem eingeschränkten Regelbetrieb los.

Das deutsche Schulsystem war in eine Art Schockstarre verfallen.... da hat sich bis heute wenig geändert...immer wenn die Inzidenzen zurückgehen, macht man normal weiter, wenn sie wieder steigen, macht man nichts, wenn sie fast am Hochpunkt sind, beginnt man darüber zu diskutieren, was man wohl machen müsste...

Ein Beispiel: Bei sehr hoher Inzidenz bin ich an einem warmen Tag mal durch eine Schule gelaufen...kein Gangfenster war geöffnet...irgendwo stand eine Tube mit Desinfektionsmittel in der Ecke...Mehrere (!) Klassen wurden aus den Klassenräumen in einen sehr engen fensterlosen (!) Gang geschickt, um dort zu essen und zu trinken...Begründung: In den gut belüfteten Fachräumen darf ja nicht gegessen werden.

Dann lieber im Gang Brot und Viren teilen....

Umsichtiges, intelligentes Verhalten sieht anders aus...


Wir haben die Zeit des Lock-Downs im SFN genutzt, um ein (damals einmaliges) Hygienekonzept zu realisieren: Wasserhähne berührungslos umgebaut, Türklinken durch Armdrücker ersetzt, Wege markiert, Warteplätze an Treppen eingerichtet, Raumabschnitte markiert, automatische Desinfektionsgeräte gebastelt und aufgestellt, ein Lüftungskonzept entwickelt, Masken besorgt bzw. Gesichtsschirme selbst gebaut (damals gab es das alles kaum zu kaufen).

Wir entwickelten schnell ein komplettes Online-Angebot, seit 20 Monaten laufen viele Workshops, Vorträge, der Schülerkongress online.


Unsere ersten Online-Vorträge

Nachdem wir Ende Mai wieder öffnen durften (und seit dem hatten wir nie wieder geschlossen), gab es sofort eine Maskenpflicht im gesamten Gebäude.

Es hagelte Kritik...nicht von den Jugendlichen und Eltern..., Masken seien ja nicht zumutbar, außerdem würden sie nichts bringen.

Ich hatte damals schon mein Pensionsalter erreicht und war in meinem ersten Verlängerungsjahr.

Meine LKs unterrichte ich traditionsgemäß im SFN. Also galt auch die Maskenpflicht für die Unterrichtszeit, auch am Platz.

Das sei nicht erlaubt, hieß es (nicht bei den Schülern und Eltern). Aber meine Schüler/innen stimmten zu, ja sie fühlten sich sogar sicherer mit Maske.

Das Augenmerk der Verwaltungen lag auf dem Sitzabstand: 1,50 m, nicht 1,49 m, das verhinderte eine Ansteckung...

Das hatten wir auch, nur zusätzlich.

Wir waren auch die ersten, die im September 2020 Luftreiniger angeschafft haben und in allen Räumen zusätzlich zum Lüftungskonzept (das von einem eigens dafür angestellten Mitarbeiter kontrolliert wurde) aufgestellt haben. Zu einer Zeit, in der der Einsatz von Luftreinigern an Schulen, zumindest in Kassel, verboten wurde.

Das versuchte man im SFN auch, aber ich hatte das Hausrecht und konnte es so bestimmen.


Werkstatt mit Luftreinigern und UV-Reiniger

Wir waren auch die ersten, die eine tägliche (!) Testpflicht für alle Personen angeordnet haben, die das SFN betreten (das war im April 2021). Die empfindlichen und einfachen Lutschtests stellten wir natürlich kostenlos zur Verfügung...und 2G+ gab es bei uns schon lange, bevor der Namen eingeführt wurde...


Warum schreibe ich das? Nicht weil ich uns besonders herausstellen will. Mir ist nur klar geworden, das weitsichtiges, verantwortliches Handeln außerhalb des SFN gefehlt hat.

Niemand kam auf die Idee, Unterrichtszeiten zeitlich zu versetzen und zusätzliche Busse einzusetzen, damit die Jugendlichen nicht wie Ölsardinen in der Büchse hin- und hertransportiert werden, damals noch ohne Maske!

Ich habe meine Früh-Stunden einfach 20 Minuten später beginnen lassen, dafür haben wir ab und an mal was online gemacht. Damit konnten meine Schüler/innen wenigstens zweimal in der Woche (immerhin 40%) in leeren Bussen und Bahnen anreisen...


Man hätte soviel tun können, wenn man schon in den Sommerferien über den Herbst nachgedacht hätte. 2020 war es sicher noch nicht so richtig klar, wie sich das Virus im Herbst verhält...aber 2021???

Und wetten, dass sich 2022 nichts ändern wird...plötzlich ist das Virus wieder da...so wie man jeden Winter vom ersten Schnee überrascht wird...


Wie sieht nun die neue Welt aus?

Viele Sozialkontakte sind heruntergefahren. Das ist für Kinder und Jugendliche, für die die letzten zwei Jahre einen großen Anteil ihres Lebens ausmachen, fatal. Auswirkungen werden wir später merken....


Mal wieder was gemeinsam machen, Juli 2020


Weihnachtsfeier online

Es sind Lernprobleme entstanden, sicher auch fachliche Lücken. Aber ich habe beobachtet, dass die Bereitschaft sich zu engagieren, sich mit Inhalten zu beschäftigen, deutlich gesunken ist.

Das scheint mir wie bei sportlichen Tätigkeiten, wenn man das Training lange Zeit aussetzt...Muskeln bilden sich zurück, die Kondition sinkt.

Über die wirtschaftlichen Auswirkungen kann ich wenig sagen, da kenne ich mich nicht ausreichend aus, aber ich befürchte, dass es noch viele zukünftige Auswirkungen gibt.

Allein die vielen leerstehenden Läden in letzter Zeit geben mir zu denken.


Mir haben viele Jugendliche in den letzten Monaten ihre Ängste anvertraut. Sie können ihre eigene Zukunft nicht mehr richtig einschätzen und planen, fühlen sich hilflos und ausgesetzt.


Wie mag sich ein Studienanfänger fühlen, der noch nie die eigene Uni von Innen sehen durfte?


Wir sind gerade vor dem Höhepunkt der 4.Welle, eine neue Virusvariante lauert...und wieder beginnt man darüber zu reden, doch Luftreiniger in den Schulen aufzustellen...

Wie gesagt, man redet, vom Handeln ist keine Rede...


Mir machen auch die Menschen Angst: 50 000 ohne Maske, eng feiernd in Fußballstadien, eng gedrängt auf Weihnachtsmärkten, volle Restaurants ohne Lüftung und Luftreiniger...

Immer mehr Querdenker...(bei dem Wort schauert es mir, denn es enthält das Wort "Denker", aber da denkt nichts...).


Eine Menschheit, die so mit einer offensichtlichen zeitnah bedrohenden Gefahr umgeht, wie soll sie eine schleichende Gefahr des Klimawandels erkennen und adäquat handeln können...


Eine blöde neue Welt....



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