Ein langer und endloser Gang

Updated: Aug 26

Es muss irgendwann Ende der 80-er, eventuell auch Anfang der 90-er gewesen sein.

An diesem Samstag wurden die Weichen für mein späteres Berufsleben, ja eigentlich sogar für die Zeit danach gestellt.


Was war passiert?


Der Samstag war damals ein ganz normaler Unterrichtstag, nur einmal im Monat fiel der Unterricht aus. Dafür waren die Stunden an den anderen Samstagen 15 Minuten länger.

So war man bis etwa 13.30 Uhr in der Schule, um 14 Uhr machten alle Geschäfte zu...also Wochenendeinkäufe oder so etwas war für Lehrer/innen nicht drin...das musste man vorher erledigt haben.

Und da die Stunden ja verlängert waren, bedeutete das, dass eine Doppelstunde Physik zwei Zeitstunden dauerte.

Und zusätzlich kam noch, dass im restlichen Land durchaus Wochenendstimmung war...also so richtig Bock auf Schule hatte samstags niemand...

Auch ich nicht...


Nun kommen wir zum sog. Neubau unserer Schule. Den hatte ein begnadeter Architekt konstruiert...im Keller ist ein langer schmaler fensterloser Gang, links ging es in kleine enge Fachräume für die Naturwissenschaften und rechts waren der Chemie- und der Physikhörsaal, ohne Fenster und mit nur selten funktionierender Lüftung. Daneben waren die Sammlungen.



Auch so ein Gang, in einer ähnlichen Einrichtung, jedenfalls haben wir das damals so empfunden...(aus 4teachers.de)


Ich hatte eine Doppelstunde Physik in einer 10, wie gesagt 2 Zeitstunden...11.30 Uhr bis 13.35 Uhr...worst time ever...zum Glück in einem der engen Räume...denn die hatten ein Fenster, von dem man auf die restliche freie Welt gucken konnte.


Es sollten Einführungs-Zeit-Stunden in den Elektromagnetismus geben...ich suchte mir Geräte für Versuche zusammen und stellte sie auf einen Rollwagen.


Die Klasse stand schon im Gang vor der Tür des noch verschlossenen Klassenraumes, Irgendwie musste ich mit meinem Experimentierwagen an ihnen vorbei kommen...denn wie gesagt, der Architekt hatte die Gangbreite so gewählt, dass nur für eine halbe Klasse Platz ist...und da stand eine ganze Klasse...


Das alles war so richtig motivierend...


Ich war damals noch nicht so lange Lehrer, aber diese Stunde hatte ich schon mehrfach gehalten...ich kannte jede meiner Fragen, jeder der möglichen Antworten, jede Reaktion von mir darauf...die Stunde war in meinem Kopf wie ein stinklangweiliger Kinofilm, den man schon ein paar Mal gesehen hatte...


Das war noch viel motivierender...


Ein Geanke ging durch meinen Kopf, während ich den Wagen durch die Menge quetschte...:

" Was ist, wenn die Klasse merkt, dass ich selbst überhaupt keine Lust habe? Wie soll ich sie denn für Physik begeistern?"


Noch wenige Sekunden...ich schließe die Tür auf, fahre den Wagen neben das Lehrerpult, die Klasse geht gelangweilt in den Raum...und in der Zeit fasse ich den wohl folgenschwertsen Entschluss meines Lebens:


"Wir machen heute alles ganz anders...es gibt keinen Unterricht...Hier auf dem Wagen habt ihr Material zum Experimentieren, ich hol gleich noch mehr, und einige Bücher. Ihr habt heute und die nächsten 5 Wochen Zeit euch mit dem Thema Elektromagnetismus zu beschäftigen. Am Ende sollt ihr verstehen wie ein Elektromagnet funktioniert, wie eine Klingel geht, wie ein Elektromotor zum Laufen kommt...ich schreibe euch gleich eine Liste der Fragen an.

Da müsst ihr hinkommen...wie, überlasse ich euch...ihr könnt in kleinen Gruppen arbeiten, Bücher lesen, Versuche aufbauen...Ich werde euch nicht fachlich helfen, bin aber immer für euch da, wenn ihr Hilfe beim Organisieren und Strukturieren braucht.

Warum mache ich das? Ich bin mir sicher, dass ihr viel besser lernt, wenn ihr euch alles selbst beibringt und untereinander darüber redet. Lasst es uns versuchen!


Noch Fragen?"


Die Klasse starrte mich an, als wäre ich gerade vom Mars gelandet...natürlich keine Fragen, außer vielleicht: "Wieso dürfen Lehrer durchknallen, ohne dass man sie vor dem Unterricht einsperrt?" Gestellt hat diese Frage aber niemand...


Und jetzt kam die entscheidende Situation...Die Klasse spielte mit...jede, jeder, ernsthaft, konzentriert, sie verweigerten sich nicht, alberten nicht, sondern schienen irgendwie diese Chance begriffen zu haben!


Wäre das nicht passiert, gäbe es kein SFN und ich würde keine Erinnerungen schreiben, weil sich niemand dafür interessieren würde.


Ein paar Sekunden auf einem langen Gang...und für mich hat sich eine Welt verändert.


Danke an die Klasse, dass sie mitgemacht hat...und wenn einer von euch das liest und sich daran erinnert...schreibt mir doch mal...