Die Welle

Die erste deutsche Verfilmung von „Die Welle“

1992 Jahre habe ich im Wahlunterricht eine AG zur Klimaproblematik angeboten. In kleinen Gruppen setzten sich die Jugendlichen mit der leider heute noch immer aktuellen Problematik auseinander.

Eine Gruppe wollte herausfinden, welches Wissen über Treibhauseffekt und Klimaänderung in der Kasseler Bevölkerung existiert. Sie organisierten eine Umfrage, die sie mit einer Videokamera dokumentieren wollten.

Das Schneiden des Filmes machte ihnen soviel Spaß, dass sie mich regelrecht überredeten eine Film-AG einzurichten.

Der erste kurze Spielfilm: „2024 – Nach dem Klimakrieg“ war recht gelungen (er wurde im gerade neu gegründeten Offenen Kanal sogar gesendet), deshalb entschloss sich das Team, einen richtigen abendfüllenden Spielfilm zu drehen.

Die Mädchen wollten einen Märchenfilm, die Jungens einen Actionfilm…ich machte ihnen das Buch „Die Welle“ von Morton Rhue schmackhaft.

In unserem Film entschließt sich eine Lehrerin zu einem ungewöhnlichen Experiment in ihrer Klasse. Sie möchte ihnen zeigen, wie Faschismus auch noch heute entstehen kann. Doch die Bewegung, die sie auslöst, verselbständigt sich und droht ihr zu entgleiten.

Die ganze Schule sollte mitspielen. In einem richtigen Casting mit Probeaufnahmen suchten wir Schüler- und Lehrerrollen aus. Wir stellten eine Filmklasse zusammen, die an vielen Drehsamstagen chronologisch erleben sollte, wie sie immer mehr von der Organisation „Der Welle“ eingenommen und manipuliert wird.

Die Hauptrolle schrieben wir um, es wurde eine Lehrerin viele andere Lehrer spielten mit

Wir erfanden ein Filmformat wie es heute in Privatsendern üblich ist: Skripted Reality.

Es gab dafür zwei Gründe:

- Wir waren weder in der Lage noch fleißig genug ein ausführliches Drehbuch zu schreiben.

- Unsere jugendlichen Schauspieler sollten aus der Situation heraus selbst ihre Rolle gestalten und erleben. Und sie waren dann auch besser, auswendig gelernte Texte können eben nur echte Schauspieler gut sprechen.

Das bedeutete aber auch, dass wir Szenen im normalen Schulalltag drehten: Beim Schulfest, beim Sportfest, in den Pausen…

Ich erinnere mich noch an eine besondere Szene. Die Gruppe „Die Welle“ sollte zum ersten Mal schulöffentlich neue Mitglieder werben. Dazu bauten wir einen Infostand beim echten Schulfest auf und filmten mit versteckter Kamera. In dieser Szene sollte auch ein Streit zwischen dem neuen Anführer der Welle, Robert, und einem abtrünnigen Schüler live inszeniert werden.

Ein kräftig gebauter Kollege stand eingeweiht als Aufsicht bereit, um eventuelle Ausweitungen zu unterbinden. Aber es ging alles gut.

Dann kam die große Abschlussszene in der Aula. Es wurde von der Schulleitung extra ein Wandertag angesetzt, damit wir ungestört mit etwa 150 Schüler/innen drehen konnten.

In dieser Szene sollte eine Versammlung der Welle einberufen werden, an der inzwischen die große Gruppe der Wellen-Mitglieder teilnehmen sollte. Die Lehrerin, die das Experiment in ihrer Klasse initiiert hatte, wollte den Welle-Anhängern mit einem Filmausschnitt einer Hitler-Rede die Augen öffnen.

Am Anfang der Szenen sollte die Masse aus Kindern und Jugendlichen schlagartig aufstehen, wenn Robert der Anführer in die Aula kommt, synchron den Wellengruß brüllen. Das war den vielen Statisten schwer zu vermitteln, erst als die Regisseure genau den Mechanismus der Wellenführer anwandten, funktionierte alles bestens.

Beängstigend wie 150 schwarz/weiß gekleidete Jugendliche langsam in die Aula gingen, aufstanden und den Wellengruß lautstark brüllten. Wegen Kamerafahrten mussten wir diese Szene sogar mehrfach drehen.


Dann kam der Filmausschnitt mit Hitler, die Jugendlichen erkannten, auf welches Trugbild sie hereingefallen waren und verließen die Aula.

Nur Robert blieb zurück…er war wieder allein, wieder der Einzelgänger, der nichts verstand. Der Film endet mit dem Versuch der Lehrerin in aufzufangen. Sie setzte sich neben ihn auf die Bühne und suchte das Gespräch.

Über 8 Monate dauerten die Dreharbeiten, dann begannen wir den 93 Minuten langen Film zu schneiden. Anfang der 90-er gab es nur VHS. Schon die erste Kopie war stark verrauscht, die zweite Kopie völlig unbrauchbar.

Deshalb mussten wir alle Kameraschnitte (wir arbeiteten mit zwei Kameras) sowie die Nachvertonung mit Geräuschen und Musik live über ein Schnittpult machen. Wie einfach ist das heute mit digitaler Technik!

Im Mai 1993 war Premiere in der Aula. Danach zeigten wir den Film mehrfach innerhalb der ASS und auch öffentlich.

Wir wurden eingeladen, den Film auf einer Fortbildung von Polizeibeamten zur Entstehung von rechter Gewalt zu zeigen und bekamen bei einem Filmfestival einen Sonderpreis.

Für mich aber ist dieser Film mit den vielen Eindrücken ein Dokument des (außerfilmischen) Schullebens Anfang der 90-er.