Abstieg in die Unterwelt

Das Befahren von Höhlen hat schon eine wichtige Rolle in meinem Leben gespielt und wie wir erfahren haben, auch im Leben einiger Schüler/innen.

Ich möchte in meinen Erinnerungen auf drei besondere Höhlenbefahrungen eingehen:


Gradisnica - Warum mache ich das nur?


Ende der 80-er stand ich mit etwa 8 anderen aus meiner Klettergruppe vor dem Schlund dieser Höhle. Da geht es etwa 100 m in die Tiefe und unten beginnt eine riesige Halle, an deren Ende es nochmal etwa 80 m runter in die mit Schlamm gefüllte unterste Halle geht.


Den Tipp zu dieser Höhle im damaligen Jugoslawien hatte uns ein Mitarbeiter im Katasteramt vom heutigen Ljubljana gegeben.

Wir standen davor, aber hatten keine 100 m Seil, nur 30 m, 40 m und 50 m Stücke.

Ein paar Wahnsinnige von uns knoteten die Seile zusammen und stiegen ab. Sie wollten nur bis zum Boden in der Eingangshalle.

Ich hatte wirklich Angst. Wir hatten zwar das Übersteigen von Knoten geübt...in einer Turnhalle...aber hier: 70 m über dem Höhlenboden?


Zu dritt sahen wir den anderen bei strömendem Eisregen zu, etwa 10 Stunden lang.

Die Berichte nach dem Aufstieg waren faszinierend. Das wollte ich auch erleben. Also kaufte ich 250 m neues Seil und Pfingsten fuhr ich mit zwei anderen Kletterern und einem Fahrer für die Rückfahrt erneut in einem uralten Wohnmobil nach Jugoslawien.

Morgens um 6.00 Uhr nach wenigen Stunden Schlaf am Höhleneingang begann der Abstieg.

Wir schafften es. Der kurze, wieder vom Monitor mit dem Handy abgefilmte Filmausschnitt, beginnt mit Videoaufnahmen, die ich während des Abstieges machte.



Der Anblick von unten, die 100 m hohe Röhre nach oben und dann weiter Innen in der Höhle...das riesige Eingangsportal schrumpft zu einem immer kleiner werdenden Lichtfleck.

Unvergessen.




Dann klopften wir Dübel in eine Felswand (damals musste man noch alles selbst machen...) und seilten uns in die unterste Halle ab.

Unser Fahrer sollte am Höhleneingang warten und schlafen, damit er uns sicher zurückbringen konnte.

Erst weit nach Mitternacht kamen wir wieder am Eingangsschacht an. Total erschöpft und verschlammt, mussten wir nun noch 100 m am freien Seil hochklettern.

Ich brauchte mehrere Essenspausen, am Seil hängend frühstückte ich und trank noch etwas vom übriggebliebenen Kaffee. Dann schleppte ich mich und die 10 kg Gepäck weiter senkrecht nach oben.

Als alle oben waren, stand die Sonne wieder am Himmel. Wir waren über 25 Stunden in der Höhle gewesen.

Unser Fahrer hatte kein Auge zu getan, er war zu nervös, weil er doch Angst um uns hatte.


Also fuhr ich das Wohnmobil zurück...ich kam nicht weit...

Sehr schnell sah ich zwei große Elefanten auf der Straße mit leuchtenden Stirnlampen auf dem Kopf...Da hielt ich an und pennte...


Feststecken im Todtsburger Schacht

Etwa 2007/8 befuhr ich noch einmal mit einigen Schülern den Todtsburger Schacht in der schwäbischen Alb. Hier hatten wir 20 Jahre vorher alles trainiert: Klettern, Retten Übernachten...Hier steckte auch der Schüler ganz unten fest, der in der Salzgrabenhöhle ins Wasser gefallen war (siehe früherer Post). Ich werde nie vergessen, wie er durch laute Schreie ("Ich esse nie wieder Hamburger") versucht dünner zu werden.

Die Höhle hat einige sehr gemeine Engstellen. Vor dem letzten Schacht muss man sich durch eine Engstelle quetschen, durch die gerade so der Kopf ohne Helm passt.

Und am Ende der Kletterstrecke steht man auf einer etwa 15 m hohen Halle. Ein winziges Loch gestattet den Abstieg am Seil. Aber um da durch zu passen, muss man sich teilweise vom Seil lösen. Dann baumelt man über der Halle, die Beine hängen in der Luft, man macht sich unterhalb der Engstelle wieder blind am Seil fest und schiebt den Rest des Körpers nach...dann geht es 15 m frei hängend nach unten langsam, wenn man sich richtig festgemacht hat und sehr schnell (a = g), wenn man es falsch gemacht hat.

Ich hatte damit nie Probleme. Nur jetzt, nach über 10 Jahren, hat die Expansion des Universums auch zur Expansion meiner Hüfte geführt.

Zu deutsch: Ich steckte fest.

Zum Glück war ich der letzte und ich konnte mich 2 Stunden lang, in der Höhlendecke steckend, freirubbeln...

Sonst hätte ich auch für die anderen den Ausgang verstopft...rausschieben konnten sie mich ja nicht, denn ich hing in der Decke...




Die letzte Tour mit JuFos


2017 und 2018 betreute ich ein JuFo-Team, das die Gewässer und die Mikrobiologie einer Karsthöhle erforschen wollte.

Für mich im Juli 2018, immerhin fast 65, die letzte große Höhlenexpedition.

Sie führte uns in die Krizna Jama in Slowenien. Hier waren wir etwa 20 Jahre vorher hoffnungslos abgesoffen. Zwei unserer Leute waren damals nicht in der Lage in ein Schlauchboot zu steigen und kippten mit samt Boot und Ausrüstung ins Wasser. Stunden später versuchte der Höhlenführer (ohne den kam man nicht rein) mit seinem Boot eine Stromschnelle hochzufahren. Das Boot lief voll Wasser und sank...mit ihm. "Help me, I cannot swim!" hallte seine Stimme durch die dunkle Nacht...

Wir retteten ihn, mussten dabei eine weitere Person wässern, und verliesen durchnässt die Höhle.

Nun waren wir besser vorbereitet.

Ich hatte einem der Jugendlichen im Fallschacht des SFN das Seilklettern beigebracht. Mit ihm wollte ich in die unteren Bereiche absteigen um dort Wasserproben zu holen, während die anderem mit einem slowenischen Höhlenforscher auf Schlauchbooten in die Tiefe der Höhle eindrangen.

Für mich war es ein toller, unvergessener Abschluss (immerhin waren es drei eintägige Befahrungen) einer fast 25-jährigen Höhlenkarriere...

Ich bin da gewesen, wo nur selten Menschen hinkommen und habe gelernt, trotz Widrigkeiten durchzuhalten und eigene Grenzen zu überwinden.


Genau das konnte ich meinen Schüler/innen weitergeben.