Abschied nehmen

nicht von der Blogserie...da hab ich noch viele Erinnerungen (nur nicht immer Zeit, sie aufzuschreiben...).

Aber ich erinnere mich oft an besondere Abschiedssituationen, die rückblickend betrachtet sich oft als große Chance erwiesen haben...bis auf die:


Abschied von Ali

Das war mein Hund, der mich viele Jahre in der Jugend begleitet hat. Irgendwann war er sehr alt...konnte fast nichts hören, war nahezu blind und konnte kaum noch laufen. Da beschlossen meine Eltern, ihn einschläfern zu lassen.

Das Festlegen des Tages, das Bringen zum Tierarzt, sein letzter vergeblicher Versuch, an einen Baum vor der Praxis zu Pinkeln, und ihn das letzte Mal halten und streicheln, wenn er die Spritze bekommt, ich denke, wer das auch mal erlebt hat, kann nachvollziehen, was da Abschied nehmen bedeutet.


Abschied von der Sternwarte in Göttingen

Während meiner Diplomarbeit, für die ich ein Zimmer aus der ehemaligen Wohnung von Carl Friedrich Gauß bekommen habe, habe ich mich in der Universitätssternwarte sehr wohl gefühlt. Das lag nicht nur an der persönlichen Betreuung durch meinen Professor (Prof. Voigt, der mit dem Abriss der Astronomie...), an den gemütlichen Kellergewölben der alten Sternwarte, sondern an dem Eingebunden sein in diesem historischen Ort.

Nach meiner Diplomprüfung bleib ich einfach da...zuerst, weil ich noch zwei Semester Mathe für das Staatsexamen dranhing und dann, weil ich während des Referendariats einmal pro Woche zu einer Vorlesung von Kassel nach Göttingen fuhr.


Abschied von meinem ersten LK

In der Schule fing ich gleich mit einem LK an, ein LK, der mich durch seine Neugier, sein ständiges Nachfragen und Einfordern sprachlicher anschaulicher Erklärungen auf meinen Weg gebracht hat...

Jürgen: "Schön, das ist ne Formel, die kann ich herleiten...aber was sagt mir das?"

Gemeinsam haben wir uns in die Philosophie der Quantenmechanik eingearbeitet. Damals gab es noch kein Zentralabitur, da konnte ich die Abi-Schwerpunkte setzen...

Sehr zum Ärgernis unseres damaligen Fachbereichsleiters (Formeln waren für den alles..."Wann nehmen Sie das endlich wieder ab?") schmückte der Kurs den Gang zum Physiksaal mit riesigen Ausdrucken aus (damals mit einem 9 Nadel Drucker gedruckt...): Ich kenne nur noch den Anfang, aber den Rest kann man sich individuell denken: "Physik ist mehr als nur eine Aneinanderreihung von Formeln....".

Der Satz hat mich geprägt, obwohl er wahrscheinlich von mir während des Unterrichts gesagt wurde....

Dann machten die Schüler ihr Abi und waren weg...da habe ich zum ersten Mal realisiert, dass der Lehrerberuf auch erfordert, immer wieder Abschied zu nehmen...

Dass einer dieser Schüler später bei meiner eigenen Verabschiedung eine Rede hält, ich mit anderen noch Jahrzehnte später mehrmals gemeinsam einwöchige Workshops gemacht habe..das hätte ich damals nicht geglaubt.


Abschied vom Planetarium:

Über 15 Jahre habe ich für ein Planetarium in Kassel gekämpft, dann 18 Jahre prägend mitgemacht...dann entschloss ich mich im November 2009 das alles auslaufen zu lassen: am 28.1.2010 sollte meine letzte Vorführung sein.

Wer die Geschichte des Planetariums von 1975 an nochmal nachlesen will:


https://astronomiekassel.blogspot.com/search/label/Planetarium


Ich hatte für meine Abschieds-Show ein Thema gewählt, das ich an diesem Tag mit der lokalen Premiere des Filmes "Das Auge" in einem Kasseler Kino krönen konnte.

Regisseur und ESO-Wissenschaftler waren da, aber bei meiner letzten Vorstellung waren nur die normalen üblichen Besucher da...



So kann auch etwas nach 35 Jahren enden.

Aber ich war frei, um mich um das ständig wachsende Schülerforschungszentrum zu kümmern.


Abschied vom SFN

Den Abschied von Schule und SFN zögerte ich noch etwas hinaus...ich verlängerte einfach zwei Jahre...und hatte prompt fast die ganze Zeit die Pandemie am Hals. Aber ich konnte Hygienemaßnahmen entwickeln, die den politisch vorgegebenen um Monate voraus waren.

Aber eine weitere Verlängerung kam deshalb nicht in Frage.

Ich hatte meinen letzten LK zum Abitur geführt. Trotz Pandemiebelastungen, mit dem wohl besten Abiergebnis aller meiner LKs, konnte ich meine letzten Schüler ins Home Office Studium entlassen.....

Im SFN organisierte ich noch bis zum letzten Tag meiner Dienstzeit ein riesiges Sommercamp mit über 70 Teilnehmern...

Dann machte ich vier Wochen Urlaub und dann gab es die offizielle Abschiedsfeier, bei der so viele Menschen was sagen wollten, dass sie eine Überlänge bekam.

Aber am meisten hat mich gefreut, dass mein ehemaliger Physiklehrer und meine ersten und meine letzten Schüler gemeinsam mit mir auf der Bühne standen...



Wer will, kann sich die fast drei Stunden nochmal "reinziehen":



Und ein ganz besonderer ehemaliger Schüler war auch da. Er war inzwischen Unternehmer und hat schon seit vielen Jahren meine Arbeit im SFN unterstützt.



Gemeinsam haben wir schon Monate vorher ein neues Konzept für eine Bildungsrevolution entwickelt...das startet Anfang Juni 22 als FutureSpace...bei meiner Verabschiedung am 3.9.21 haben wir das Projekt vorgestellt und so war der letzte Abschied gar keiner, sondern ein Übergang in eine neue aufregende Zeit...


Auch da gibt es schon Erinnerungen...